Das spätgotische Chorgestühl der Stadtpfarrkirche St. Marien in Stendal – Ein Paradies für die Ratsherren?
(Abstract Magisterarbeit)

Im Zentrum der im Jahr 2010 an der Humboldt-Universität zu Berlin als Magisterarbeit angenommenen Untersuchung steht das spätgotische Chorgestühl in der Stendaler Hauptpfarrkirche St. Marien. Zur Zeit der Entstehung des Chorgestühls im Jahre 1501 hatte die mittelalterliche Hauptstadt der Altmark, dem Kernland der Mark Brandenburg, bereits seinen wirtschaftlichen Höhepunkt überschritten und musste um seine Zugehörigkeit zum Hansebund bangen. In dieser Situation stifteten die Kirchenältesten, allesamt auch als Mitglieder des Stadtrates nachweisbar, ein neues Chorgestühl, wie die sich über die gesamte obere Hälfte der Südwestwange erstreckende Inschrift bezeugt. Geschaffen wurde es durch den ortsansässigen Meister Hans Ostwalt, der sich selbstbewusst in der Stiftungsinschrift nennt. Das Gestühl umfasst zwei Reihen zu je 13 Sitzen und steht im Binnenchor des Hallenumgangschores. Seine Gestaltung mit grobem Astwerk spiegelt den Zeitstil wieder. Einzigartig ist die gefasste Schnitzerei auf der Rückseite des Dorsals mit Flechtzaun und Vogelidyll, die dem Hortus Conclusus-Motiv entnommen sind. Das Bildprogramm zeigt Anna Selbdritt, den Heiligen Nikolaus sowie die Kirchenväter und Evangelisten. Auffällig ist zudem der Baldachin mit einer umfangreichen Wappensammlung.

Die Magisterarbeit unterzieht das Gestühl einer detaillierten Analyse, die darauf abzielt, den Aufbau des Gestühls und das ikonographische Bildprogramm auf seinen Aussagegehalt zu hinterfragen. Die tektonische Analyse erwies eine bauzeitliche Planänderung, mit der Intention, das Gestühl im geplanten Umfang innerhalb der Chorschranken unterzubringen und dennoch die Westwangen als Träger der Stiftungsinschrift und der Handwerkerdarstellung  uneingeschränkt sichtbar zu machen. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass die verwendeten Motive der Anna Selbdritt, des Nikolaus sowie der Evangelisten und Kirchenväter zwar durchaus häufig an Chorgestühlen zu finden sind, sie sich dort jedoch in ein umfangreicheres Programm einreihen, dass vor allem nach innen, den Kleriker zugewandt ist. Am Ostwalt-Gestühl ist die Auswahl der Motive reduziert und das Bildprogramm richtet sich vor allem an außen stehende Betrachter. Vor allem in Verbindung mit der symbolisch aufgeladenen Astwerkverzierung des Gestühls zielen die ikonographischen Formeln auf den ihnen innewohnenden eschatologischen Sinngehalt und stehen unter dem übergeordneten Thema des Paradieses. Die als Paradiesgarteneinhegung gedeutete Flechtzaunschnitzerei fügt sich wie eine Klammer um das Chorgestühl und verbindet es räumlich erfahrbar mit dem architektonischen Gefüge ‚Chor’. Sowohl die weitere Chorausstattung als auch die architektonische Einbindung des Gestühls ergänzen dieses Programm.

Die Diskussionen der Nutzung des Gestühls und der Ausprägung von Präsentationsformen gesellschaftlicher Gruppen nehmen einen wichtigen Raum in der Untersuchung ein. Insbesondere die Nennung gesellschaftlicher Führungsschichten in der Inschrift und die durch eine Distelranke zu einem ‚vinculum societatis’ verbundenen Wappen am Baldachin spiegeln das Bedürfnis der Ratsherren und Ständemitglieder, sich zu verewigen und demutsvoll in das Dedikationsobjekt einzubinden. Diese Einbindung in eine große Stiftung, wie es die eines Chorgestühl darstellt, war sicher von der Hoffnung geprägt, in das Paradies aufgenommen zu werden, selbst einer der Seligen zu sein. Beim Ostwalt-Gestühl steht somit die Beziehung zu den Laien und die Repräsentation der stiftenden Gemeinschaft mindestens gleichberechtigt neben dem ikonographischen Gehalt und den Anforderungen des Klerikerstandes. Der Nachweis einer Gestühlsnutzung im Rahmen von profanen Riten durch die Ratsherren konnte indes nicht erbracht werden.